Rollstuhlforschung

 

Welchen Kraftaufwand erfordert der Rolli?

Diese Frage stellt sich besonders für Selbstfahrer manueller Rollis. Leider gibt es dafür keine einfache Antwort.

Die Fachhochschule Bielefeld ist derzeit das europaweit einzige Institut, das diesen Fragen wissenschaftlich nachgeht.

An dem dortigen Kompetenzzentrum für Bewegungsvorgänge (KfB) arbeitet ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Hörstmeier an der Erfassung und Analyse von Bewegungsvorgängen und dem damit verbundenem Kraftaufwand bei manuellen Rollstühlen.

Die Wissenschaftler haben dazu umfangreiche Messverfahren und -Messinstrumente (u.a. einen Messrollstuhl) entwickelt. Während der REHACARE 2007 und 2008 wurden Fahrwiderstandsmessungen an den Rollstühlen von Messebesuchern vorgenommen und dabei eine erstaunliche, die Kenner wenig überraschende, Feststellung gemacht: Die Fahreigenschaften der untersuchten Rollstühle reichten von schwer rollend bis leicht laufend wobei Unterschiede in der Größenordnung von bis zu Faktor 30 gemessen wurde. (d.h. der schwergängigste Rolli erforderte 30mal mehr Kraftaufwand , als der leichtgängigste) Analog dem Kraftaufwand eines gehenden Menschen entspricht das etwa dem Unterschied zwischen gemütlichem Spazieren und schnellem Treppe-hoch-Laufen.

Ein Ergebnis der Bielefelder Forschung ist das KfB-Energiecluster, das die Einordnung von Rollstühlen in 7 Energieklassen ermöglichen soll. (analog der Zertifizierung von Haushaltsgeräten in Energiebedarfsklassen)

sessio kfb energielabel

Die Idee dahinter ist, dass sich Nutzer und Berater mittels eines Labels sofort einen Überblick über die Leicht- bzw. Schwergängigkeit verschiedener Rollstuhltypen verschaffen können.

Leider hat sich diese Zertifizierung bisher noch nicht durchsetzen können und wird nur von wenigen Herstellern genutzt.

Eine Schwierigkeit besteht bei diesem System sicher in der Vielfalt der möglichen Rollstuhl-konfigurationen, die jeweils Einfluss auf die Fahreigenschaften haben. Um hilfreiche Vergleiche anstellen zu können, müsste man eine Rollstuhlkonfiguration finden, die für alle zu vergleichenden Rollstühle realisierbar ist.

Selbst wenn sich eine solche Standard-Konfiguration durchsetzen sollte, kann man auf ausreichende Probefahrten vor dem Kauf keinesfalls verzichten. Hilfreich wären solche Klassifizierungen aber, um minderwertige Rollis auch als solche zu kennzeichnen. Damit wäre es nicht mehr so einfach möglich unerfahrenen Menschen minderwertige Fahrzeuge als "State of the Art" andrehen zu können.

 

Literaturhinweise:

R. Hörstmeier, F. Wiegräbe: das KfB-Energiecluster
In: Othopädie-Technik, 60/09, S. 668f.

R. Hörstmeier, J. Heinze: Energiecluster- neues Qualitätsmerkmal zur Rollstuhlnutzung
In: Othopädie-Technik, 10/10, S. 710ff..

R. Hörstmeier, A. Lanz: Energiebetrachtngen in der Hilfsmittelforschung
In: praxis ergotherapie, Jg 24/4, 08/11

R. Hörstmeier, S. Ehrlich: Rollende Messtechnik für mehr Mobilität
In: Othopädie-Technik, 5/12

R. Hörstmeier, A. Lanz: Wie Rollstühle leichter rollen
In: MTD, 1/2012, S.46ff.